Interview mit Aneta Novotná

Wie bist du zur Herstellung von Fresskörben gekommen?

Eigentlich war es Zufall, wie so oft im Leben. Meine Firma 4horse fertigt seit zwölf Jahren Ausrüstung für Pferde und Hunde aus Biothane. Wir versuchen, den Wünschen unserer Kunden möglichst weit entgegenzukommen. Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, dass ich selbst aktive Distanzreiterin bin und mehrere Pferde, Hunde und Katzen besitze.

Vor zwei Jahren sprach mich eine Frau an, die begonnen hatte, Fresskörbe herzustellen. Sie hatte festgestellt, dass handelsübliche Fresskörbe die Bedürfnisse der Pferde nicht berücksichtigen, und wollte für ihre eigenen Pferde etwas Besseres. Die angebotenen Modelle ließen die Pferde nicht richtig atmen oder etwa beim Gähnen das Maul öffnen. Sie waren zu eng und zu klein. Deshalb fertigte sie für jedes Pferd nach dessen Maßen und Bedürfnissen einen Fresskorb an. Diese wurden jedoch so schnell beliebt, dass sie die Nachfrage neben ihrem Beruf nicht mehr bewältigen konnte. Sie suchte jemanden, der ihre Arbeit übernehmen und die Herstellung fortsetzen würde. Sie sprach mich an und ich beschloss, es zu versuchen.

 

 

Da kann ich nur zustimmen; mit gekauften Fresskörben habe ich genau die Erfahrungen gemacht, die du beschreibst. Vor allem hielten sie kaum etwas aus. Meine Stute biss sofort ein Loch hinein. Wie sieht es damit bei euren Fresskörben aus?

 

Das ist sehr komplex. Jedes Pferd ist anders. Deshalb verwenden wir bei unseren FIT GRAZER Fresskörben austauschbare Böden. Hat ein Pferd noch keinen Fresskorb getragen, bekommt es einen Eingewöhnungsboden. Dieser besteht aus lebensmittelechtem Gummi, das weich, biegsam und für das Pferd möglichst sicher ist. Die Öffnung ist größer, damit es sich an den Fresskorb gewöhnen kann und ihn nicht als Einschränkung empfindet. Manche Pferde sind empfindlicher und vertragen es sehr schlecht, wenn ein Fresskorb die Futteraufnahme stark begrenzt oder anderes Unbehagen verursacht.

Kennt das Pferd den Fresskorb bereits oder hat es ein gesundheitliches Problem, wählen wir die Öffnung kleiner, abhängig von Pferdegröße, Weideaufwuchs und weiteren Faktoren. Für Pferde, die den Boden durchbeißen, bieten wir auch lebensmittelechten Kunststoff an. Diese Böden sind wesentlich haltbarer, aber weniger bequem, weil sie härter sind. Deshalb muss der Besitzer immer abwägen, welchen Boden er wählt.  

 

 

Viele Menschen halten Fresskörbe für Tierquälerei. Erzähl uns, wofür sie eingesetzt werden und welche Vorteile sie haben.

Der häufigste Grund für einen Fresskorb ist Übergewicht beim Pferd.
Übergewicht bei Pferden nimmt immer mehr zu. Obwohl es die Gesundheit erheblich gefährdet, empört es uns Menschen längst nicht so sehr wie ein unterernährtes Pferd. Menschen sehen gerne, dass es ihrem Pferd „gut geht“, dass es „gut genährt“ ist und keinen „Mangel“ leidet. Besitzer schämen sich in der Regel nicht für ein übergewichtiges Pferd und fühlen sich, anders als Besitzer dünner oder abgemagerter Pferde, keiner öffentlichen Kritik ausgesetzt. Dennoch gefährden sie bei Fettleibigkeit oder dauerhaftem Übergewicht die Gesundheit ihres Pferdes erheblich. Es drohen etwa Hufrehe, eine sehr schmerzhafte Erkrankung mit langwieriger Behandlung, Stoffwechselstörungen wie Insulinresistenz und eine Überlastung der Gelenke.

Ein verantwortungsbewusster Besitzer sollte beim Abnehmen seines Pferdes ganzheitlich vorgehen und möglichst einen Fachmann hinzuziehen. Dieser hilft, Ursache und Ausmaß des Übergewichts festzustellen, und berät zu Bewegung sowie Menge, Zusammensetzung und Darreichung des Futters. Erst wenn diese Analyse das Übergewicht eindeutig bestätigt und der Gesundheitszustand das Abnehmen erlaubt, empfehle ich einen Fresskorb.

Ein gesundes Gewicht können auch Heunetze mit kleineren Maschen unterstützen. Ich empfehle eine Maschenweite von 3 cm. Soweit es die Situation erlaubt, sollte das Abnehmen langsam erfolgen; für den Besitzer ist dieser Prozess psychisch sehr belastend. Niemand verweigert seinem Pferd gerne das, wonach es sich am meisten sehnt. Doch der Besitzer muss mehr Vernunft zeigen als das Pferd, auch wenn dieses den größeren Kopf hat, und sich bewusst machen, dass es für seine Gesundheit abnimmt.

Ein weiterer, noch schwerwiegenderer Grund für einen Fresskorb ist Hufrehe (Laminitis). Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Wandlederhaut am Hufbein, genauer gesagt eine Entzündung der Lamellen. Dadurch wird die Verbindung zwischen Hufbein und Hornkapsel gestört; das Hufbein beginnt sich zu drehen und nach unten zu drücken, wodurch Blutgefäße und Nerven geschädigt werden. Das verursacht starke Schmerzen und kann bleibende Folgen bis hin zum Tod des Tieres haben.

Eine der Hauptursachen ist die Überfütterung mit zucker- und stärkereichem Futter, typischerweise üppigem Weidegras.

Auch vorbeugend ist ein Fresskorb bei rehegefährdeten oder bereits erkrankten Pferden während der Frühjahrs- und Herbstweide sinnvoll. Zu viel Weidegras im Frühjahr und etwas weniger ausgeprägt im Herbst kann die Hufe auch nicht übergewichtiger Pferde gefährden. FIT GRAZER ermöglicht eine Regulierung der Aufnahme. Am besten ist es natürlich, den Weidegang insgesamt zu begrenzen und besonders im Frühjahr sehr vorsichtig zu dosieren. Kann der Besitzer die Haltungsbedingungen jedoch nicht beeinflussen, ist ein Fresskorb eine vernünftige Lösung.

 

 

 

Müssen Pferde an den Fresskorb gewöhnt werden?

Wenn Zeit dafür ist, ja. Bei einem Pferd ohne Erfahrung mit Fresskörben und ohne akutes Gesundheitsproblem ist eine Eingewöhnung sinnvoll. Manche reagieren empfindlich, wenn eine zu kleine Öffnung die Futteraufnahme plötzlich stark begrenzt. Sie versuchen dann um jeden Preis, den Fresskorb loszuwerden, oder flüchten schon beim Anblick. Eine Stute unserer Kunden wollte mit einem zu stark einschränkenden Fresskorb nicht einmal den Stall verlassen. Offenbar fand sie es sinnlos, wenn sie damit nicht genügend fressen konnte.

Wenn Zeit zur Eingewöhnung bleibt, beginnt man am besten mit einem Eingewöhnungsboden mit größerer Öffnung. Das Pferd verbindet den Fresskorb nicht mit etwas Negativem und lernt, damit umzugehen, zu trinken und so weiter.

Bei Hufrehe ist die Situation anders. Der Zustand ist so ernst, dass die Futteraufnahme möglichst schnell und deutlich eingeschränkt werden muss. Natürlich geschieht dies in Zusammenarbeit mit dem Tierarzt, der je nach Schweregrad entscheidet, ob und wie lange das Pferd anfangs überhaupt auf die Weide darf. Ein Fresskorb kann die Futteraufnahme auf der Weide um 50 – 90 % reduzieren. Ist die Rehe nicht zu stark oder die akute Phase bereits überstanden, ist er eine geeignete Lösung und besser als soziale Isolation.

Auch ich musste eines meiner Pferde an den Fresskorb gewöhnen, und es hat sich gelohnt. Wenn sie sieht, dass ich ihn bringe, steckt sie selbst den Kopf hinein und weiß, dass es auf die Wiese geht. Deshalb versucht sie gar nicht, ihn abzustreifen. Nur die richtige Öffnungsgröße zu wählen fiel mir etwas schwer, weil ich nichts falsch machen wollte. Was empfehlt ihr?

Es freut mich sehr, dass ihr die Eingewöhnung so gut gemeistert habt.

Die Wahl der Bodenöffnung ist eine Wissenschaft für sich. Zunächst sind nicht alle Fresskörbe gleich groß. Unsere Böden reichen von 13 cm Durchmesser bis zu den größten mit 24 cm. Für ein kleines Pony ist eine Öffnung von 4 cm also praktisch zur Eingewöhnung geeignet, während dieselbe Öffnung für ein großes Pferd viel zu stark einschränken kann.

Deshalb bitten wir vor der Maßanfertigung um einen ausgefüllten Fragebogen mit den Maßen des Pferdes sowie Angaben dazu, ob es bereits einen Fresskorb getragen hat und gesundheitliche Probleme hat. Anhand dieser Informationen versuche ich, für jedes Pferd die passende Öffnung zu wählen.

Außerdem unterscheiden sich Pferde sehr stark. Selbst bei gleicher Größe kann eines beispielsweise mit einer Öffnung von 7 cm abnehmen, während ein anderes mit 4 cm zunimmt. Auch der Weideaufwuchs spielt eine wichtige Rolle. Am besten können Pferde mit Fresskorb bei einer Grashöhe von 10 cm fressen. Längeres Gras knickt um und erschwert das Grasen. 

Die Böden unserer Fresskörbe lassen sich mit etwas Geschick austauschen. Beim Wechsel auf eine üppigere Weide kann man deshalb eine kleinere Öffnung verwenden und umgekehrt.

Auf eurer Website erklärt ihr ausführlich, wie man das Pferd vor der Bestellung vermisst. Aus welchen weiteren Gründen ist das Messen wichtig?

Ja, richtiges Vermessen ist der erste Schritt zur Maßanfertigung. Für Besitzer ist das oft recht schwierig. Sie brauchen ein Maßband, möglichst ein Schneidermaßband, eine Hilfsperson, die die richtigen Messstellen fotografiert, und ein kooperatives Pferd. Dieses möchte aber meistens nicht mitmachen. Verspielte Pferde wollen das Maßband für sich beanspruchen, empfindliche wehren sich, bewegen sich ständig und sabotieren die Messung auf jede erdenkliche Weise.

Trotzdem müssen wir das Pferd vermessen. Soll der Fresskorb passen, kommen wir ohne diese Maße nicht aus. Auf den Fotos erkenne ich, ob an der richtigen Stelle gemessen wurde, und bitte gegebenenfalls um erneutes Messen und neue Fotos.  

Wenn die Messung gelungen ist, erstelle ich anhand der Unterlagen ein Schnittmuster für das Pferd. Dieses bewahre ich auf, falls später ein neuer Fresskorb oder ein Ersatzteil benötigt wird.  

 

Gibt es beim längeren Tragen Probleme mit Scheuerstellen? Kann das Pferd mit Fresskorb trinken?

Scheuerstellen sind sehr häufig, tatsächlich die häufigste Komplikation beim Tragen eines Fresskorbs. Bei nur einer oder zwei Stunden Weidegang täglich entstehen sie meistens nicht. Für Pferde, die ihn 12 oder 24 Stunden am Tag tragen, empfehle ich jedoch Polster. Je nach Empfindlichkeit verwenden wir dünnere Neoprenpolster oder bei dauerhaftem Scheuern echtes Lammfell. Dieses ist zwar pflegeaufwendiger, bietet aber sehr hohen Komfort.

Das Trinken mit Fresskorb ist eine entscheidende Frage. Bei einer Selbsttränke muss deren Innendurchmesser gemessen werden, damit wir anhand der Fresskorbgröße prüfen können, ob das Pferd problemlos trinken kann. Es kommt tatsächlich vor, dass der Fresskorb größer als die Tränke ist. Dann muss der Besitzer eine Wanne zum Trinken anbieten oder statt eines Fresskorbs das Management ändern, beispielsweise den Weidegang auf wenige Stunden täglich begrenzen.

Ist die Tränke groß genug oder trinken die Pferde aus einer Wanne, ist das Trinken mit Fresskorb kein Problem. Sie finden sehr schnell heraus, wie es geht.

 

Wir Pferdebesitzer sehen fast überall Schreckensszenarien, weil wir wissen, was Pferde selbst auf einem völlig sicheren Paddock anstellen können. Was passiert, wenn ein Pferd mit dem Fresskorb hängen bleibt oder darauf tritt?

Ich verstehe dich völlig. Ich besitze selbst drei Pferde und ihre Sicherheit liegt mir am Herzen. Es gibt viele Stellen zum Hängenbleiben, nicht nur Bäume und Zäune. Manche geschickten Pferde bringen beim Kratzen oder Abstreifen sogar einen Huf unter den Kehlriemen. Deshalb verwenden wir zwei Nietenarten: stärkere am Korb und kleinere an Genickstück und Kehlriemen. Wir haben Belastungstests durchführen lassen; eine Niete löst sich bei etwa 80 kg Zugkraft. Damit kann sie in einer Notsituation nachgeben. Natürlich bedeutet das zusätzliche Arbeit für den Besitzer, der die gelöste Niete wieder einsetzen muss. Der Sicherheitsgewinn für das Pferd ist es aber auf jeden Fall wert.  

Werden alle FitGrazer Fresskörbe nach Maß gefertigt? 

Bisher ja. Der Besitzer musste jedes Pferd vermessen und uns die Maße senden. Danach erstellten wir ein Schnittmuster und fertigten den Fresskorb genau für dieses Pferd.

Auf Wunsch von Reitsporthändlern bereiten wir jedoch eine Neuheit für die Weidesaison vor: Fresskörbe in Standardgrößen.

Ich denke, fünf Jahre Maßanfertigung haben uns genügend Wissen über die Bedürfnisse von Pferden und Besitzern vermittelt. Wir haben Hunderte Schnittmuster durchgesehen und beginnen anhand der Maße unserer Kundenpferde mit der Herstellung in sechs Standardgrößen. Sie behalten die meisten Vorteile der Maßanfertigungen: Sie sind luftig, auch für Pferde mit Atemproblemen geeignet und haben austauschbare Böden, angepasst an den aktuellen Bedarf des Pferdes und den Weideaufwuchs.